Klettersportverein Quackensturm e.V.

Sektion des Deutschen Alpenverein e.V.

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d1Unwetter an der Dibonakante
Ein Bericht von Jens Brand

Am Mittwoch, den 02.07.08 machten mein Kumpel Ralf und ich uns gegen 4.30 Uhr auf die Socken um der Großen Zinne über die Dibona-Kante aufs Dach zu steigen. Die Nacht war kurz und unruhig, ob vieler Gedanken und Zweifel an der bevorstehenden Heldentat von über 650 Klettermetern:
Der Weg vom oberen Parkplatz über den Zinnensattel zum Einstieg ist uns schon vertraut und bald geschafft. Die Morgensonne taucht die Drei Zinnen in ein warmes malerisches Licht. Das Wetter verspricht wunderbar zu werden.

6.00 Uhr geht es los. Als erste Seilschaft am Einstieg sind wir vor Steinschlag sicher. Über ein Restschneefeld querend erreiche ich den Einstieg, einen 4er Kamin. Am ersten Stand tausche ich meine Bergschuhe gegen die Kletterschuhe. Klettert sich einfach lockerer. Nach 3 Seillängen im 4er Bereich legt sich langsam die Nervosität und Routine zieht ein. Die bayerische Seilschaft hat uns auch endlich überholt und das Gedrängel an den Ständen hört auf. Das größte Kopfzerbrechen stellte mir anfangs die Orientierung, denn die Kante war eigentlich der rechte Teil der Ostwand. Und die ist breit. Doch man muss einfach immer die leichteste Route nehmen, dann findet sich auch immer ein Häkchen oder alte Schlinge. Es ist auch sinnvoll selber nicht allzu viele Schlingen zu legen und die 50 m langen Seile nicht ganz auszusteigen, der Seilzug wird sonst zu groß. Dann lieber etwas freier Turnen. Die Seillängen 6 bis 9 waren wieder im 4er Bereich. Wir kommen gut voran und liegen gut in der Zeit. 13.00 Uhr kurze Mittagsrast. Das Wetter unverändert schön, nur ein paar kleine Wolkenfetzen umschmeicheln die Felsen. Mir ist wie leichtes Nieseln. Weiter geht’s, wir wollen ja nicht bummeln: Vorsteigen, Seil einholen, Nachholen, Material übernehmen, Vorsteigen … Irgendwann, vermutlich nach 14.00, wurde es plötzlich dunkel und es beginnt zu hageln. Erst ein nur wenig, dann heftiger, vermischt mit Regen. Der Kalkstein wurde fleckig, wurde nass, bald rieseln erste Rinnsaale durch die Füße, schließlich stehen wir im Wasser. Die leichteren Kletterstellen zwischen den Felsbändern sind natürlich auch die Wasserläufe. Wasser, überall Wasser. Jetzt nur nicht beeindrucken lassen, hinauf, hinauf.
Beim vorsichtigen Aufrichten in einem Wasserlauf, die Hände noch im Wasser, durchzuckt es mich heftig, der nachfolgende Donnerschlag bringt Gewissheit. Getroffen.

So fühlt sich das also an, wenn der Blitz in den Gipfel fährt und die Ströme über alles Leitende nach unten schickt. Bis zum Gipfel hinauf sind es aber bestimmt noch geschätzte 200 m. Was tun? Weiter aufsteigen? Abseilen? Abseilen dauert sicher ewig, falls es überhaupt gelingt. Bestimmt aber länger als hoch zum Gipfel zu flüchten und über den Normalweg abzusteigen. Den Normalweg kennen wir von der Besteigung am Vortag ganz genau.

d2Die Seilschaft gegenüber an der kleinen Zinne hat es besser. Die haben sich einfach in einer großen Höhle in der Wand versteckt, warten auf Wetterbesserung und schauen unserem Treiben zu. Zwar regnet es weiter, aber das Wetter wurde augenscheinlich etwas besser und das Gewitter tobt sich über den Nachbargipfeln aus. Also gut. Weiter hinauf. Flucht nach vorn. Wir schaffen den Gipfel. Weit kann es nicht mehr sein. Aber das Gelände wird zusehens steiler, die Bänder schmaler, unheimlich. Wenn nur dieser Zeitdruck nicht wäre. Kein Haken mehr weit und breit. Haben wir uns verstiegen? Querung nach links: Schweres Gelände, kein Chance da durchzukommen. Querung ganz nach rechts: das könnte gehen. Stände müssen improvisiert werden, Friends, Keile und Schlingen herhalten. Der Fels ist griffig und wenn man mit sauberer Fußtechnik steigt, geht es auch auf dem nassen Kalk sicher voran. Ach und da sind ja auch wieder zwei nette geschlagene Felshaken. (Bohrhaken in der Route sind leider Fehlanzeige) Wir sind also auf dem rechten Pfad der Tugend und zum Gipfel. In der Mitte zwischen zwei Haken, ich bastele, gerade an einer Knotenschlinge, weil’s schwer wird, holt uns das Unwetter mit voller Wucht wieder ein. Es hagelt wie blöd. Containerweise Eiskörner und mit einer Wucht, das es unerträglich ist. Balancierend auf einer Zacke warte ich, dass es nachlässt, dass es besser wird.
Es wird nicht besser. Nach oben spähen, nach den nächsten Griffen oder wenigstens danach tasten ist völlig unmöglich. Aus dem Steinschlaghelm wird ein Hagelschlaghelm. Also abwarten, ausharren. In unbequemer Position an senkrechter Wand. Die Rinnsaale schwellen an zu tosenden Gebirgsbächen, die sich rauschend in Kaskaden über die Ostwand ergießen. Dummerweise stehe ich unter einer Kaskade und komme einfach nicht weg. Binnen Sekunden bin ich durch. Das Wasser läuft oben rein, unten raus. Der Körper wehrt sich mit unwillkürlichen Zuck-und Zitterreflexen gegen die Auskühlung. Und über uns das ohrenbetäubende Donnergrollen.

Verdammte Scheiße Schluss jetzt, Schnauze voll, ich komme hier wirklich nicht mehr weiter. Weitergehen wäre Wahnsinn. Jetzt geht’s ums nackte Überleben. Flucht, Flucht nach unten. 500 m Abseile, so schnell es nur geht:
Den Einbindeknoten vom gelben Halbseil mit steifen, zittrigen Fingern irgendwie auffummeln, dauert ewig. Seil durch den waagerechten Felshaken fädeln und beten dass der hält. Wieder einbinden und 10 m langsam ablassen auf Höhe des letzten Hakens, Sicherungsmann auf dem Band herübersichern und Selbstsicherung einhängen. Karabiner zuschrauben! Jetzt bloß keinen blöden Fehler machen, Ruhe bewahren, Ruhe und Zuversicht ausstrahlen, konzentrieren, kontrollieren und schnell machen. Ralf kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ist am Ende. Klare Ansagen sind nötig. Angst, Panik in seinen Augen.

Die Bänder sind weiß vom Hagel. Das Abseilen beginnt, eine Reise ins Ungewisse. Auf der Suche nach rostbraunen Haken auf nassgrauem Fels mit regennasser Brille. Nur Mut. Es gibt keine Wahl, also los jetzt, hinein ins Vergnügen. Es war wohl Kurz vor dem Ende der zweiten Abseile, als:
Zong. Erneut fegt ein Stromstoß durch meinen tropfnassen Körper. Kein Wunder, der ganze Berg ist rauschendes Wasser. Jetzt ist der Spaß endgültig vorbei. Wir riskieren hier wirklich Kopf und Kragen. Schnellstens runter von diesem unheimlichen Blitzableiter.. Und das Gewitter tobt weiter über unseren Köpfen. Meist lässt sich ja gerade rechtzeitig ein Haken oder eine alte Standschlinge durch den Regenschleier erspähen oder an markanten Stellen gezielt danach suchen. Bei den geschlagenen Felshaken, gerade denen, die nur wenig und noch dazu horizontal in Felsspalten stecken, bin ich immer skeptisch, ob diese die Abseillasten halten werden. Doch haben wir eine Wahl? Einer lässt sich gleich mit der Hand rausziehen (bei der Kontrolle kurz vor dem reinsetzen in die Abseile bemerkt) und muss mit einer Prusik gesichert werden. Nur irgendwann klappt es eben doch nicht, lässt sich eben kein Fixpunkt zum Abseilen finden: noch 10 m Seil, kein Haken, los weiter... noch 5 m Seil, kein Haken, kein Nichts, wird schon, weiter weiter... noch 2 m Seil, überhängendes Gelände, nichts zu entdecken, oh Mist Blöde Situation. Baumel, baumel ... Erst mal Ruhe bewahren und überlegen. Was mach ich jetzt bloß? Was ist denn das da? Da drüben, so 2 m unterhalb liegt doch meine kleine pinkfarbene Prusik auf einer Zacke. Die könnte Ralf verloren haben. Wie gut. Fatum. Denn diese Zacke könnte doch zum Abseile taugen? Muss eben eine Schlinge geopfert werden. Gesagt, getan. Hinunter geseilt und rübergependelt. Seil ist jetzt wirklich knapp. Stand bauen, Seil frei, Ralf kannst kommen. Die Verständigung nach 50 m Abseile ist so schon Asche, bei diesem Mistwetter komplett unmöglich. Nun baumeln wir beide an der Zacke, sie hält, und versuchen das Seil abzuziehen. Lieber Gott mache, dass der Verbindungsknoten an keiner Zacke oder Spalte hakt. Es ist eh schon Schwerstarbeit 50 m nasses Halbseil durch das kleine Auge vom Felshaken zu zerren. Und bloß das richtige Ende merken.
Erst mal kommen mehrere Meter Seildehnung und dann, nichts bewegt sich. Es ist zum verzweifeln. Auf unserer Tour am Vortag über den Normalweg hatte sich der Seilverbindungsknoten beim Abseilen an der Felskante verklemmt und konnte erst nach einiger Zeit von der nachfolgenden Seilschaft befreit werden. Lieber Gott, habe Erbarmen mit zwei verängstigten Flachlandtirolern. Wir versuchen es mit Kurzprusik und Exen und langsam, ein kleines bisschen wandert das freie Seilende nach oben. Mühevoll, unsagbar langsam aber stetig. 5 m Ziehen -Pause. 5 m Ziehen -Pause… Die Schinderei wärmt ein wenig, doch wie lange reicht die Kraft? Der Regen lässt etwas nach. Dafür fährt uns nun ein böig kalter Wind durch dass nasse Tuch und lässt uns bis in die Knochen erschauern. Beim abseilen schießt ein Wasserstrahl aus der Acht ins Gesicht. Wenn die tropfnassen Seile plötzlich in der Acht blockieren, springe ich wie ein JoJo durch die Wand: Auf und ab, vor und zurück. He aufpassen und nicht die Acht loslassen. Sehr nervig sind auch diese ständigen Seilfitze und überall verhaken sich die Dinger. Klamotten kommen geflogen beim abziehen. Deckung. Nur noch 3mal abseilen, noch 2 mal, der Grund ist in Sicht. Optimismus macht sich breit. Letzte Seillänge, sanfte Landung auf dem Schneefeld. Endlich festen Boden unter den Füssen. Der Herr sei gepriesen. Einen standhaften Atheisten lässt er eben nicht im Stich. Wir haben es geschafft und sind ohne nachhaltige Deformationen zurück im Leben. Selbst die Sonne lacht uns auf unserem Heimweg zu: „Alles richtig gemacht Jungs, na also, geht doch, auch ohne eine der vielen Plaketten am Felsenfuß, mit Nachruf und so.“

Aber ein bissel knapp war es schon. Die Bergwacht hat unsere Übung schon eine ganze Weile sehr interessiert vom Wandfuß aus verfolgt. Nun können sie sich in Ruhe den anderen Kandidaten widmen, die noch in den Wänden ausharren.
Ich will ja Niemanden den Spaß an den Bergen verderben, Und sicher werde ich irgendwann den Sack von der Dibona-Kante abpflücken. Aber seid bitte vorsichtig und passt bloß auf, dass Eure Bergabenteuer alle gut ausgehen.

Berg Heil Euer Bergkamerad Jens Brand

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